Edelstahl im Hochgebirge

Robustes Material schafft alpinen Komfort

Schroffe Felsen, ewiges Eis und extreme Wetterverhältnisse waren lange Zeit das Revier von Alpinisten. Gebäude verkleidet mit Edelstahl lassen karge Bergwipfel zu Hotspots werden. Spartanische Schutzhütten weichen spektakulärer Architektur, die Alpinisten müssen ihr Paradies mit Wanderern und Seilbahngästen teilen. Wie diese Beispiele zeigen, wurde für das Hochgebirge Edelstahl als robustes, korrosionsbeständiges und ästhetisches Material entdeckt.

Weit über 700 Schutzhütten stehen allein in den Alpen, viele davon wurden vor über hundert Jahren gebaut. Neben der Zeit haben die herausfordernden Witterungseinflüsse – tiefer Frost, orkanartige Windböen, UV-Strahlung – sowie Auswirkungen des Klimawandels wie auftauende Permafrostböden massiv an ihnen genagt. Zugleich entspricht ihre Ausstattung nicht mehr den Forderungen nach zeitgemäßen Sanitäranlagen, kleineren, komfortablen Schlafräumen und leistungsfähigen Küchen.

Sanitär- und Wohnkomfort

Ein Beispiel dafür ist die Neue Bamberger Hütte auf 1.756 Meter Höhe in den Kitzbühler Alpen. Ein aufgesetztes Zusatzgeschoss in Holzbauweise mit ausgebautem Dachgeschoss vergrößerte die  Nutzfläche um 80 Prozent für 85 Gäste. Die Gebäudehülle erhielt neben einer neuen Holzschalung eine Wärmedämmung und das Dach wurde vollflächig mit Edelstahl gedeckt. Die 1895 am Südhang des Grand Muverans in 2.582 Meter Höhe aus Holz gebaute Cabane Rambert in den Waadtländer Alpen wurde bereits 1950 durch eine Steinhütte ersetzt. Um die heutigen Erwartungen an einen modernen Hüttenbetrieb zu erfüllen, erhielt sie einen dreigeschossigen Anbau in Holzrahmenbauweise, dessen Fassaden rundum – ebenso wie das Dach – mit poliertem Edelstahl verkleidet wurden. Die Architekten wollten die Hütte wie einen Rucksack bauen, der ebenso kompakt wie funktional notwendigen Raum für Lager, Sanitäranlagen, Wasseraufbereitung und Wohnung der Hüttenwarte bietet. Um ihm eine homogene, edle Optik zu verleihen, wurden auch die Fenster und Türen mit dem glänzenden Werkstoff verkleidet. Außerdem formt eine vollflächige Edelstahldeckung ein Trogdach, das Regen- und Schmelzwasser sammelt und in Tanks auf der oberen Etage einspeist.

Neue gesetzliche Vorgaben

Grund für Umbau oder Neubau der Hütten sind vielfach jedoch auch veränderte gesetzlichen Vorgaben zu Umweltschutz, Brandschutz oder Statik. Mit einem enormen Aufwand werden sie deshalb entweder sukzessive renoviert oder direkt durch einen Neubau mit modernster Technik ersetzt. Für Planer und Bauherren sind mit der isolierten Lage der Berghütten zahlreiche Herausforderungen verbunden. Abgeschnitten von der Zivilisation und jeder Infrastruktur müssen Mensch und Material während der Sommermonate per Helikopter dorthin transportiert werden. Angesichts des meist eng begrenzten Bauraums, der die Aufstellung eines Krans verhindert, muss der Hubschrauber auch Hebezeugfunktionen übernehmen. Viele der Hütten zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe und verzeichnen eine stark schwankende Besucherfrequenz. Es sind energetische Autonomiekonzepte mit gesicherter ökologischer Verträglichkeit gefragt. Dem kommt entgegen, dass nichtrostender Stahl nahezu vollständig ohne Qualitätseinbußen recycelt werden kann.

Modernisierte oder neu errichtete Berghütten zeichnet meist ein ausgeklügeltes Energiemanagement mit Solar- und Photovoltaikpaneelen, Wärmespeicher, energiesparenden Geräten und witterungsoptimierter Ausrichtung der Gebäudeöffnungen aus. Die Wasserversorgung erfolgt durch gesammeltes Schmelz- und Regenwasser, das in oftmals unterirdischen Wassertanks aus Edelstahl entkeimt und gespeichert wird. Das anfallende Abwasser reinigen dezentrale lokale Abwasseraufbereitungsanlagen mehrstufig. Durch Wiederverwendung als Brauchwasser – beispielsweise für die Toilettenspülung – wird der Trinkwasserbedarf um bis zu 30 Prozent gesenkt. Nicht verbrauchtes, gereinigtes Abwasser kann bedenkenlos in der ökologisch sensiblen Umgebung versickern. Verbleibende Fäkalschlämme werden kompostiert und per Hubschrauber zur nächstgelegenen Kläranlage ins Tal transportiert. Mit Rasterkonstruktionen aus Holz tragen die Hütten der natürlichen Umgebung und regionaler Prägung ebenso Rechnung wie Nachhaltigkeitsanforderungen. Raster ermöglichen einen hohen Vorfertigungsgrad, reduzierte Hubschraubertransporte und schnelle Montage vor Ort.

Tracuit-Hütte

Eine der beliebtesten Berghütten der Schweiz ist die Tracuit-Hütte im Herzen der Walliser Alpen. Auf 3.256 Metern im Val d’Anniviers gelegen, ist sie selbst bei guten Wetterverhältnissen nur von erfahrenen Bergsteigern nach über vierstündigem Fußmarsch bei Sommerwetter erreichbar. Ihre außergewöhnliche Lage und puristische Formensprache, die die Topografie als vertikale und horizontale Verlängerung der Felswand aufgreift, lässt sie von Weitem optisch mit dem Felsen verschmelzen. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch hochglänzenden Edelstahl, der drei Fassadenseiten und das Dach bekleidet. Die metallische Haut nimmt dem Gebäude seine Dominanz, indem sie Licht und Landschaft reflektiert und so den Bau mit der Umgebung verschmelzen lässt. Das Dach dient durch die Deckung mit rollgeformtem Trapezprofil aus 0,8 Millimeter dickem, nichtrostendem Stahl zum Sammeln von Regenwasser. Die großflächig verglaste Südfassade und 95 Quadratmeter Photovoltaik-paneelen tragen maßgeblich zur Energiegewinnung bei. So ist der dahinter liegende Speisesaal lichtdurchflutet und bietet einen imposanten Blick auf die Walliser Bergwelt. Auch aus den neugestalteten Schlafsälen mit vier bis 24 Betten blicken die Gäste auf die Berge.

Refuge du Goûter am Mont Blanc

Im Vergleich zu Aluminium und Zink punktet Edelstahl im Hochgebirge als wetterfesteres Material. Die am Mont Blanc in 3.817 Meter Höhe neugebaute Refuge du Goûter verdankt ihre ovale Form und Lage am äußersten Rand des schneebedeckten Kamms der herausfordernden Topografie und Witterung. Nur zur Hälfte steht sie auf dem Felsen, der andere Teil schwebt frei über dem Abgrund und verleiht der energieautarken Schutzhütte mit Passivhausstandard ihre spektakuläre Wirkung. Die Holzkonstruktion wird durch eine 50 Zentimeter dicke Dämmung aus Holzwolle vor der hier herrschenden extremen Kälte geschützt. Um den Temperaturen von unter minus 40 Grad und Orkanböen mit Geschwindigkeiten von über 250 Stundenkilometern dauerhaft die Stirn bieten zu können, erhielt der vierstöckige Kuppelbau eine Haut aus Edelstahl. Dank der guten Verformbarkeit und hohen Festigkeit des Materials konnte für die vollflächige Verkleidung der elliptischen Form eine geringere Materialstärke gewählt werden. Unempfindlich gegenüber UV-Strahlung und Temperatursprüngen, wartungsfrei und korrosionsbeständig — das waren die Punkte, die für eine Edelstahlhaut als nachhaltig wirtschaftliche Entscheidung sprachen.

Höllentalangerhütte im Wettersteingebirge

Die Höllentalangerhütte ist im Wettersteingebirge auf 1.387 Meter Höhe ein beliebter Ausgangspunkt für Bergsteiger, die die Zugspitze von ihrer schwierigsten Seite besteigen wollen. Ihr flachgeneigtes Pultdach ist ebenso wie der gesamte übrige Baukörper so konzipiert, dass Lawinen eine möglichst geringe Angriffsfläche haben. Die Herausforderung bei der Tragwerkplanung bestand darin, mit  möglichst wenig Material Schneelasten von bis zu 10,5 kN/m² standzuhalten. Auf die wärmegedämmte hinterlüftete Holzunterkonstruktion des Dachs mit 30 Millimeter dicker Schalung und zweilagiger Abdichtung wurde deshalb eine 600 Quadratmeter große Doppelstehfalzdeckung aus Edelstahl aufgebracht. Auch für die Fenster- und Sockelanschlussbleche wählten die Architekten Chromstahl.

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