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«Die klassische Marktlogik infrage stellen»

Der Soziologe Moritz Boddenberg im Gespräch mit Tom Jost

Über die Chancen von Genossenschaften, im Zeitalter erodierender Solidaritätsnormen gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen.

Der Gründungsboom bei Bürgerenergiegenossenschaften ist zwar verebbt, dennoch sind in den vergangenen Jahren viele neue genossenschaftliche Zusammenschlüsse entstanden. Deren vornehmliche Betätigungsfelder liegen in der urbanen Wohnraumbeschaffung wie auch in der Reaktivierung dörflicher Strukturen. Doch wie attraktiv sind solidarische Genossenschaften für die Generation, die jetzt in die Verantwortung drängt und vielerorts dynamische Start-ups gründet?

Moritz Boddenberg ist einer jener jungen Sozialwissenschaftler, die sich in ihren Forschungen mit «Praktiken einer postkapitalistischen Gesellschaft» beschäftigen. Ebenso mit der «Postdemokratisierung» – mit diesem Begriff definieren Soziologen seit etwa zehn Jahren einen Zustand, in dem mächtige Interessengruppen weit aktiver sind als die Mehrheit der Bürger. Boddenberg, der an der Universität Hamburg gerade an seiner Dissertation schreibt, bezieht zum Ende des Raiffeisen-Jahrs Stellung zu den aktuellen Perspektiven der Genossenschaftsidee.

 

Herr Boddenberg, als Mensch von 30 Jahren sind Sie wahrscheinlich noch in keiner Genossenschaft Mitglied?

Doch, ich habe ein paar Anteile bei der Volksbank und war einmal – kurze Zeit zumindest – Mitglied einer Wohnungsgenossenschaft in Bonn.

Wie kam das? Haben die Ideen von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch Sie so fasziniert oder gab es eine ganz schnöde Notwendigkeit?

Ein junger Mann in einem Kaffe im Gespräch, gestikulierend.
Moritz Boddenberg Foto: Maria Feck

Die Ideen sind in der Tat faszinierend. Aber die Anteile bei der Volksbank habe ich geschenkt bekommen – ich konnte also quasi nichts dafür. Und die Mitgliedschaft in der Wohnungsgenossenschaft hatte den Grund, während des Studiums günstigen Wohnraum zu finden. Dafür bieten sich Wohnungsgenossenschaften eben an.

Sind Sie damit typisch für Ihre Generation?

Typisch für meine Generation ist wohl, dass die Organisationsform «Genossenschaft» nicht sonderlich bekannt ist. Sie gilt irgendwie als verstaubt, vielen ist gar nicht klar, was sich dahinter überhaupt verbirgt. Man kennt die Wohnungsgenossenschaften und auch die Banken, aber es ist unklar, wie sich Genossenschaften von anderen Wirtschaftsorganisationen unterscheiden.

Eine subjektive Beobachtung?

Nein, es gibt Studien, die zeigen, dass Bekanntheitsgrad und Attraktivität von Genossenschaften nicht besonders hoch sind. Ich halte sie allerdings für attraktiver, als sie von vielen wahrgenommen werden, was maßgeblich mit den Prinzipien der Genossenschaften zu tun hat. Es geht ihnen in erster Linie nicht um Gewinne, sondern um die Förderung der Mitglieder. Solidarität und Demokratie stehen viel mehr im Mittelpunkt als in anderen Organisationsformen. Das hat ökonomisch auch zur Folge, dass sie im Wettbewerb nicht alles mitmachen müssen, was in einem kapitalistischen System zum Überleben notwendig ist. Man hat es gut in der Finanzkrise vor zehn Jahren gesehen: Der größte Teil der Genossenschaftsbanken hat sich recht unspektakulär auf das Grundgeschäft konzentriert und keine abenteuerlichen Versuche mit strukturierten Finanzprodukten unternommen. Deswegen sind sie auch viel besser durch die Krise gekommen als andere Geschäftsbanken.

Man muss im Kapitalismus nicht alles mitmachen.

Moritz Boddenberg, Soziologe

Sind Genossenschaften auch was für junge Gründer? Immerhin entstehen ja an jeder Ecke neue Start-ups …

Ja, und das hat meiner Ansicht nach auch mit den Erfahrungen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun. Wir können in den letzten Jahren generell feststellen, dass alternative Geschäftsmodelle und Praktiken im Aufwind sind, weil sich die Wachstumslogik des Kapitalismus als krisenanfällig erwiesen hat. Menschen haben ihre Jobs verloren, und ich glaube, dass die steigenden Anforderungen in der Wettbewerbsgesellschaft bei vielen zu einer Art kollektiver Erschöpfung führen. Die Genossenschaften könnten schon eine Art Korrektiv bieten, um andere Formen des Wirtschaftens und Zusammenarbeitens auszuprobieren.

Immerhin sind in den letzten acht Jahren in Deutschland 1.300 Genossenschaften neu entstanden – und diesmal ist es kein Boom der Bürgerenergie.

Vorher war die Gründungswelle im Bereich der Energie besonders dynamisch. Zuletzt sind viele weitere Wohnungsgenossenschaften entstanden – und sie werden immer attraktiver im Bereich dörflicher Strukturen, um dort etwa die klassischen Tante-Emma-Läden neu zu organisieren. Diese Dorfladengenossenschaften haben in den letzten Jahren auch eine kleine Gründungswelle erlebt.

Kann man sagen: Das Bemühen um Nachhaltigkeit ist heute eine wesentliche Klammer?

Das kann man schon sagen, denn Nachhaltigkeit ist mittlerweile zu einem zentralen gesellschaftlichen Leitbild geworden. Natürlich kann sie sehr unterschiedlich interpretiert werden, etwa als reine Marketingstrategie – das wäre «Greenwashing». Ich denke, dass Nachhaltigkeit vielen nicht so gewinnorientierten Organisationen, die eher nichtkapitalistische Praktiken ausprobieren, als Leitbild dient. Denn Nachhaltigkeit zielt vor allem auf die Lebens- und Entwicklungschancen zukünftiger Generationen und will die Welt sozusagen «enkeltauglich» machen.

 

Junger Mann im weinroten Pullover, hinter ihm an der Wand zettel und flugblätter, u.a. von "Die Linke".
Moritz Boddenberg in seinem Büro in der Universität Hamburg Foto: Maria Feck

 

Genossenschaften sind der Förderung ihrer Mitglieder verpflichtet. Was bei einem «Kartoffelkombinat» oder beim IT-Entwickler partout nachvollziehbar scheint, stößt bei Bürgerenergiegenossenschaften noch auf Grenzen.

Energiegenossenschaften haben schon das Ziel, die eigenen Mitglieder zu fördern. Sie bieten auch gute Renditemöglichkeiten. Aber sie bewegen sich in einem hart umkämpften Feld, und ihr Problem ist immer noch, dass einiges im Ehrenamt passiert und viele Vorstände und Mitglieder hart am Limit arbeiten. Wenn die Energiegenossenschaften wirklich erfolgreich sein wollen, dann darf ihnen nicht selbst die Energie ausgehen.

Irgendwas mit Medien?

Die «taz» ist eine Genossenschaft, die einem spontan einfällt. Es gibt sie seit 1992, also schon relativ lange. Diese Organisationsform hat das Überleben der «taz» bis heute garantiert. Von ihren knapp 18.000 Mitgliedern sind kleinere Genossenschaften wie die «Krautreporter» mit 400 Mitgliedern noch etwas entfernt. Aber ich glaube, dass die Idee, unabhängigen Journalismus gemeinsam zu organisieren, durchaus vielversprechend sein kann. Bei «brabbl» geht es wiederum darum, die Diskussionskultur im Internet zu sichern und damit die Demokratie und ihre Partizipationsmöglichkeiten zu stärken. Wie könnte das besser gelingen als mit einer Organisationsform, die schon rein demokratisch organisiert ist? Denn sie funktioniert ja nach dem Prinzip: ein Mitglied, eine Stimme – jede zählt gleich.

Was sind im ausgehenden Spätkapitalismus die zentralen Motive, um die Kraft der Gemeinschaft zu suchen? Sein Geld bloß anzulegen doch wohl nicht.

Der Kapitalismus ist heute viel mehr als eine reine Wirtschaftsordnung, er hat sich zu einer eigenen Lebensform entwickelt. In vielen gesellschaftlichen Bereichen sind die Prinzipien von Markt und Wettbewerb immer wirkungsmächtiger geworden. Der ständige Druck treibt die Menschen an, sich weiter zu optimieren und besser abzuschneiden als andere. Dadurch erodieren Solidaritätsnormen. Gemeinschaftliches Agieren aber lässt an die Stelle der Konkurrenz die Kooperation treten – und das ist vielleicht viel produktiver, als sich ständig gegen andere durchsetzen zu müssen.

Ich glaube, dass der Kapitalismus derzeit einen Wandel durchläuft.

Moritz Boddenberg, Soziologe

Um 1930 gab es rund 6.000 lokale und regionale Genossenschaften, die die Stromversorgung ihrer Mitglieder sicherstellten …

Das waren damals Organisationen, die ganz klassisch aus der Not geboren wurden und dann die Hilfe zur Selbsthilfe organisiert haben, weil die staatlich organisierte Stromversorgung noch lückenhaft war. Treibende Kraft bei den jüngeren Energiegenossenschaften ist momentan, die Vorherrschaft der großen Versorgungsunternehmen zu brechen und die Energiewende wieder ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen.

Die alten Energie-Oligopole werden schwächer, sind aber längst noch nicht obsolet. Können Bürgerenergiegenossenschaften mit einer «solidarischen Gemeinwirtschaft» hier eine Alternative schaffen?

Das hat schon die Gründungswelle gezeigt. Natürlich müssen auch Bürgerenergiegenossenschaften wirtschaftlich arbeiten. Nur mit Solidarität und Gemeinschaft funktioniert das nicht – man braucht immer Kapital und ökonomischen Sachverstand. Aber die Verbindung einer sauberen Energieversorgung, die nicht von oben diktiert wird und dann noch die Aussicht auf eine gute Rendite für die Mitglieder bietet, ist ein vielversprechendes Modell.

 

Junger Mann im Portrait in einem Büro, gestikuliert.
Moritz Boddenberg Foto: Maria Feck

 

Es gibt dafür inzwischen den Begriff «Transkapitalismus», zu dem Sie vornehmlich forschen. Das heißt wohl: den Kapitalismus mit Bauchgrummeln noch zu akzeptieren, aber Nischen zu entwickeln, in denen es wieder anders läuft?

Das trifft es ganz gut. Wir können beobachten, dass diese Nischen in den letzten Jahren durchaus im Aufwind sind. Wenn man so will: als «Inseln des nichtkapitalistischen Geistes», die größer werden, aber auch auf Widerstände treffen. Als Soziologen haben wir gerade erst angefangen, uns mit diesem Phänomen vertiefend zu beschäftigen und sozusagen das utopische Denken wieder als Untersuchungsgegenstand zu entdecken. Man sollte nicht zu sehr romantisieren und sagen, der Kapitalismus stände kurz vor dem Untergang und werde durch die solidarische Idee ersetzt. Es ist aber auch nicht angebracht, alternative Konzepte und Praktiken abzuqualifizieren. Ich glaube, dass der Kapitalismus derzeit einen Wandel durchläuft. Und Teil dieses Wandels ist, dass vor allem zivilgesellschaftliche Akteure gesellschaftliche Transformationen in Gang setzen, die die kapitalistische Ordnung infrage stellen.

Reduzieren kann nur derjenige, der etwas hat.

Moritz Boddenberg, Soziologe

Was wären da die wesentlichen Ideen: Reduzieren, Teilen, Tauschen, Wiederverwerten, Verschenken – wo es geht

Ich würde das Reparieren noch hinzuzählen. All dies sind Praktiken, die wir an unterschiedlichen Stellen beobachten und die gerade durch die Digitalisierung die Chance bekommen, sich zu verbreiten und die Masse zu bewegen. Es gibt eine ganze Reihe von digitalen Tausch- und Verschenkportalen, die diese Praktiken unterstützen. Auch bei traditionellen Agrargenossenschaften geht es ja darum, etwa Maschinen miteinander zu teilen. Wir müssen natürlich auch darauf schauen, für wen das infrage kommt und wer davon ausgeschlossen bleibt. Ihr Beispiel der Reduzierung wird in der Soziologie als «Suffizienz» besprochen. Reduzieren kann immer nur derjenige, der schon etwas hat. Man muss deshalb den Aspekt der sozialen Ungleichheit im Auge behalten.

 

Drei Zeitschriftentitel an die Wand gepinnt. Auf dem mittleren zwei wie Zwillinge aussehende Männer hinter einer Pendelwaage, darunter geschrieben steht: "Käufer und Verkäufer in der Genossenschaft sind eins!"
Titel von Genossenschaftszeitschriften aus den 1930er-Jahren im Büro von Moritz Boddenberg. Wie man sieht: Die Prosumer-Idee ist keine neue. Foto: Maria Feck

 

Ein reformatorischer Ansatz – und kein Duell mit dem System, oder?

Sowohl als auch. Gerade beim Teilen können wir ja beobachten, wie eine scheinbar alternative Praktik sehr schnell kommerzialisiert worden ist. Airbnb oder Carsharing bieten Beispiele für eine Sharing-Economy, die den Kapitalismus nicht per se infrage stellt, sondern ihn vielmehr modernisiert oder verstärkt. Wenn wir uns aber Initiativen der solidarischen Landwirtschaft anschauen, wo Gemüse nicht mehr als Ware auf dem Markt gehandelt wird, sondern angebaut wird und direkt an die Mitglieder geht, wo das Gemüse untereinander auch getauscht wird, dann stellt das schon die klassische Marktlogik in Frage.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass Bürgerenergiegenossenschaften mit dem Strom, den sie erzeugen, auch ihre Mitglieder versorgen können?

Wir sprechen von dem «Prosumer-Ansatz», wenn Produktion und Konsum von Energie zusammengedacht werden und Mitglieder den Strom selbst verbrauchen können. Es ist ein guter Ansatz, weil die Mitglieder nicht nur bei der Produktion und Entscheidungsfindung dabei sind.

Für transkapitalistische Ideen wird man das Engagement auch der «Hipster» gewinnen müssen.

Der Begriff der Hipster ist etwas diffus: Zuweilen könnte man ja meinen, dass sie irgendwie unpolitisch, gar indifferent gegenüber ihrer Umgebung erscheinen – so wie eine Art eigene Subkultur. Wenn wir aber merken, dass der Klimawandel real ist, die Anforderungen der Wettbewerbsgesellschaft bei vielen zu Burn-outs und Depressionen führen und dass die wachsende soziale Ungleichheit gesellschaftliche Spannungen hervorruft – dann merken auch Hipster, dass wir gesellschaftliche Veränderungen brauchen. Und wir können die Hipster-Generation für Genossenschaften begeistern. Ihre Erscheinung ist übrigens ein Phänomen, das wir vor allem in Großstädten beobachten, wo die Menschen versuchen, sich von anderen abzugrenzen. Und gerade in Großstädten können Genossenschaften gezielt Bürgerinnen und Bürger gewinnen.

Es bleibt also bei Raiffeisens Ansatz, das System nicht stürzen zu wollen oder zu können – aber ihm vorläufig möglichst viel abzuringen?

Ja. Und Raiffeisen hat auch gesagt: «Was einer allein nicht schafft, das vermögen viele.» Was die Genossenschaften und diese Inseln angeht, die einen transformativen Anspruch haben, sind es gesamtgesellschaftlich noch nicht viele. Aber es werden zunehmend mehr. Und Transformation können wir nur gemeinschaftlich schaffen.

 

Kopfportrait Motitz Boddenberg im Treppenhaus

Moritz Boddenberg

1988 in Solingen geboren, studierte in Bonn und Frankfurt Politikwissenschaften und Soziologie. Im Rahmen seiner Dissertation ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel der Universität Hamburg. Seit 2015 zählt er zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Team des Wissenschaftsladens Bonn e.V., der mit unterschiedlichsten Projekten Forschung und Zivilgesellschaft zusammenbringt. Boddenbergs Themen sind dort vor allem Bürgerenergiegenossenschaften, Nachhaltigkeit und die solidarische Landwirtschaft.

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18. Dezember 2018 | Energiewende-Magazin